Afghanistan mal von einer anderen Seite – Die Erfolgsgeschichte des jungen Labels Gundara | Al Ain, Zeitschrift des Orient-Institutes Uni Leipzig | 01.2011

Nachrichten aus oder über Afghanistan berichten meist von nicht-enden-wollender Gewalt und Tod. Umso erfreulicher und außergewöhnlicher ist die Erfolgsgeschichte zweier junger Existenzgründer: Die deutsche Politologin Dr. Gunda Wiegmann und der französische Geograf Jean Amat Amoros gründeten im Mai 2009 die Firma Gundara. Im Internet vermarkten sie seitdem fairgehandelte Produkte aus Afghanistan. Al-Ain sprach mit Firmengründerin Dr. Gunda Wiegmann über die Erfolge und Schwierigkeiten des deutsch-afghanischen Projekts.

Wie sind Sie auf die Idee für Gundara gekommen?

Das war eigentlich gar nicht so geplant. Ich war in der Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan gemeinsam mit meinem Partner Jean tätig, den ich dort kennen gelernt habe. Eines Tages haben wir dort eine kleine Manufaktur im Zentrum Kabuls entdeckt. Dort wurden schöne Ledertaschen hergestellt, jedoch fiel uns auf, dass es sehr ruhig war und die Taschen zwar qualitativ gut, die Modelle jedoch nicht sehr aktuell waren. Wir wollten dann versuchen die Modelle weiterzuentwickeln und die Taschen besser zu vermarkten, um sie vor allem den europäischen Markt zugängig zu machen.

Was bedeutet Gundara eigentlich?

Gundara ist eine Wortkreation, angelehnt an meinem Namen. Es erinnert jedoch auch an „Guldara“, das heist Blumental auf Dari, und an Gandhara, die buddhistisch geprägte Periode in Afghanistan und Pakistan im ersten Jahrhundert vor Christus.

Für was steht Ihr Label?

Das Hauptgeschäft von Gundara sind die Ledertaschen. Die soziale Komponente spielt eine sehr wichtige Rolle. Vom Erlös der Ledertaschen gehen jeweils circa 30 Prozent an den Produzenten zurück. Die Ledetraschen werden hier in Berlin von mir entworfen und dann in Afghanistan produziert. Das Design ist eine Komposition aus europäischem Stil und teilweise kirgisischer oder afghanischer Ornamentik.   Darüber hinaus haben wir auch noch Filzartikel einer turkmenischen Frauenvereinigung aus Kabul und Suzani-Teppiche im Programm.

Warum Afghanistan? Was verbindet Sie mit diesem Land?

Ich bin da eher reingerutscht. Ursprünglich hatte ich mich mehr für Zentralasien interessiert. Meine Doktorarbeit schrieb ich über Tadschikistan. Über das Tadschikische, das dem afghanischen Dari sehr ähnlich ist, habe ich mich immer mehr Afghanistan genähert. Ich habe zweieinhalb Jahre in Afghanistan gearbeitet, mein Partner fünf Jahre. Wenn man solange Zeit in einem Land verbringt, dann wächst es einem ans Herz. Man hat viele persönliche Kontakte, die einen wichtig sind. Zudem verbindet mich das Interesse, das es eines Tages wieder friedlicher wird.

Mit wem genau arbeiten Sie in Afghanistan zusammen?

Für die Ledertaschen ist Herr Yaqub unser Ansprechpartner. Er ist der Besitzer der kleinen kabuler Manufaktur. Zusammen mit zwei Angestellten produziert er die Ledertaschen. 

Sie arbeiten ohne Zwischenhändler, wie ist das genau organisiert?

Bei den Bestellungen machen wir es so, dass wir erst einmal per E-Mail auf Englisch eine Bestellung an den Neffen von Herrn Yaqub schicken. Dieser leitet sie dann weiter an seinen Onkel. Später rufen wir Herrn Yaqub noch einmal an und sprechen die Details in Dari mit ihm ab. Mein Partner ist oft vor Ort und überwacht die Produktion, vor allem die Qualitätssicherung. Der Versand muss jedesmal wieder neu organisiert werden. Bis jetzt hat sich das noch nicht wirklich eingespielt. Früher haben wir die Päckchen direkt über die afghanische Post versandt. Das hat an sich auch gut funktioniert, doch eines Tages waren Jean und Herr Yaqub mal wieder gemeinsam bei der Post, als es hieß, es müsste ein besonderer Drogentest durchgeführt werden. Alle Nähte der Taschen sollten aufgetrennt werden. Das ging natürlich nicht, denn dann hätten die Taschen neu verarbeitet werden müssen. Schnell war klar was der Grund für die gründliche Kontrolle war: Die Beamten wollten Bakschisch – Bestechungsgeld. Wir waren un einig, dass wir uns nicht erpressen lassen. So mussten wir andere Versandoptionen suchen. Dann haben wir es über eine iranische Versandfirma transportieren lassen, die ist jedoch Pleite gegangen. Jetzt nutzen wir DHL. Das ist jedoch auch nicht wirklich zuverlässig und daher immer wieder ein Abenteuer.

Sie veranstalten regelmäßig  „offene Häuser“. Was ist darunter zu verstehen?

Das ist wie ein Tag der offenen Tür. Wir laden Interessenten zu uns nach Hause ein, einen afghanischen Gewürztee zu trinken und sich dabei mit unseren Produkten vertraut zu machen. Es ist zugleich auch ein Austausch über die Region. Es kommen auch viele Leute, die Interesse an Afghanistan haben.

Wer sind Ihre Kunden?

Wir haben drei Hauptgruppen von Käufern. Das sind zum einen, diejenigen, die unsere Produkte kaufen, weil sie die Taschen schön finden. Dann gibt es die Gruppe derer, die sich für die soziale Geschäftsidee begeistern und denen es wichtig ist, dass möglichst viel bei den Produzenten ankommt. Schließlich gibt es auch noch Jene, die sich in irgendeiner Art und Weise der Region verbunden fühlen. Die haben zum Beispiel in Afghanistan gearbeitet oder stammen direkt aus dieser Region. Wir versenden europaweit, hatten aber auch schon Kunden aus den USA oder Australien.

Wie sieht die Zukunft für Gundara aus?

Wir möchten noch mehr Konzepte umsetzen und die Qualität steigern. Zudem möchten wir noch weitere Produzenten für die Ledertaschen gewinnen, um so das Projekt auszuweiten und noch mehr Familien ein regelmäßiges Einkommen bieten zu können.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Sandra Wolf.

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